Leben besiegt den Tod– diese Botschaft brauche ich in diesen Tagen besonders. Kriege in der Welt rücken uns den Tod bedrückend nahe. Bilder von Zerstörung, Leid und Flucht lassen uns nicht los. In unserer Gesellschaft ist es unruhig und oft lieblos geworden. Wir haben verlernt, einander produktiv zuzuhören, aufeinander zuzugehen.
In diesen Wochen musste ich an ein Gedicht von Schalom Ben-Chorin denken. 1942, mitten im Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtung seines Volkes, schrieb er vom Leben – dem Tod zum Trotz. Sein Gedicht „Das Zeichen“ spricht vom blühenden Mandelzweig:
„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? […]
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“
Mitten im Grauen hält er Ausschau nach einem Zeichen. Der Mandelzweig wird für ihn zum Fingerzeig: Das Leben vergeht nicht. So viele Schreie auch zu hören sind – das Leben bleibt.
Der Mandelzweig ist auch ein biblisches Bild. Im Buch des Propheten Jeremia fragt Gott: „Was siehst du?“ – „Einen Mandelzweig“, antwortet Jeremia. Und Gott spricht: „Ich wache über mein Wort und führe es aus.“ (Jer 1,11f.)
Der früh blühende Mandelzweig wird so zum Hoffnungszeichen: Gott steht zu seinem Wort, und dieses Wort verheißt uns Leben.
Wo blüht der Mandelzweig in diesen Tagen?
Ich sehe ihn in den vielen Zeichen der Nächstenliebe: in Menschen, die sich hier im pastoralen Raum diakonisch engagieren, die zuhören, trösten und ermutigen, die andere nicht im Stich lassen und die Welt der Menschen für kleine und große Momente ins Licht drehen. Ich sehe ihn überall dort, wo Menschen nicht wegschauen, sondern handeln.
Dieses Engagement ist oft sehr leise. Es weht „leicht im Winde“. Aber es ist ein starkes Zeichen. Es widerspricht dem Tod. Es setzt allem Negativen die Liebe entgegen.
Ostern erzählt genau davon: Das Leben siegt. Nicht laut und triumphierend, sondern oft unscheinbar – wie ein blühender Zweig.
Trotz aller Zukunftssorgen möchte ich daran festhalten:
Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Die Liebe gewinnt. Das Leben siegt.
Ich wünsche Ihnen und Euch ein gesegnetes Osterfest und viel Freude beim Entdecken vieler blühender Mandelzweige!
Hannes Klein

